Bald keine Journalisten mehr?
Langfristig gegen den PersonalbestandDem hehren Standesethos der Tittenknipser begegnet jetzt ein fröhliches "Der Paparazzi sind wir!". Haufenweise arbeitslose Redakteure. Ein elektronisches Callcenter gestaltet das Lokalblatt: "Bietet ihr Beitrag Leichen, Weinende, Verstümmelte, drücken sie bitte die (1); bietet ihr Beitrag nackte Prominente, drücken sie bitte die (2); für Kurioses und Mörderisches aus aller Welt die (3); Umweltkatastrophen und Kriege die (4); für alle anderen Beiträge drücken sie bitte die (5). Wir weisen darauf hin, dass wir aufgrund der übermäßigen Zusendungen Horrorberichte aus dem weiteren Leben ehemaliger Pressemitarbeiter nicht mehr annehmen." - Wenn der erste Handyknipser den Pulitzerpreis erhält, falle ich von meinem Unglauben ab.
Aus Sicht des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) gibt es außer der organisierten Promi-Jagd noch andere Gründe, die gegen den „Leser-Reporter“ sprechen: „Langfristig geht das doch gegen den Personalbestand in den Redaktionen“, sagt Hendrik Zörner, Sprecher der Journalistengewerkschaft. Die Erfindung falle nicht ohne Grund in eine Zeit, in der Verlage Stellen abbauen, bei immer größer werdender Arbeitsverdichtung, und nun würden Bild- und Textinformationen noch von Amateuren geliefert, die keinerlei journalistische Ausbildung hätten, und das teilweise kostenlos. Zörner sieht die journalistische Qualität in Gefahr, „denn die Recherche vor Ort entfällt ja wohl nach so einem Leserhinweis“.
Sicher ist gleichwohl, daß Redakteure ihren Arbeitsplatz immer seltener verlassen, ihre Arbeit als Redaktroniker bewerkstelligen und den Verlagen jedes günstige Mittel der Informationsbeschaffung recht ist. So ist es kein Wunder, daß sich die „Rheinische Post“ als Abbestellerin der Nachrichtenagentur dpa sehr stark für den „Leser-Reporter“ interessiert, oder daß sich der „Nordkurier“ dafür erwärmt, wo doch in Vorpommern die Wege weiter sind als bei jeder anderen Regionalzeitung in Deutschland. Auch aus der Schweiz und aus Österreich kommen Fachbesucher zu Stefan Herbst in die Redaktion der „Saarbrücker Zeitung“, wo der „Leser-Reporter“ inzwischen seinen festen Platz hat. Mit Gesandten aus dreißig Redaktionen rückte die Initiative Tageszeitung (ITZ) neulich an, um sich an der Saar zu informieren. Selten gab es bei den Redaktionsbesuchen solchen Andrang. „Alle wollten wissen, wie der Leserkontakt verbessert und für die Redaktionen zeitsparend und gewinnbringend umgesetzt werden kann“, sagt Herbst. Franz Westing von der ITZ meint: „Das ist eine zukunftsträchtige Sache, denn schneller kommt kein Unfallfoto in die Zeitung.“ Allerdings hält Westing nichts von der inszenierten Promi-Jagd und dem „Wir sind alle Paparazzi“.


