Donnerstag, Juli 27, 2006

Bald keine Journalisten mehr?

Meine Zweifel an der Zukunft waren nie vollends unerschütterlich; dies lässt mich aufhorchen:
Langfristig gegen den Personalbestand

Aus Sicht des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) gibt es außer der organisierten Promi-Jagd noch andere Gründe, die gegen den „Leser-Reporter“ sprechen: „Langfristig geht das doch gegen den Personalbestand in den Redaktionen“, sagt Hendrik Zörner, Sprecher der Journalistengewerkschaft. Die Erfindung falle nicht ohne Grund in eine Zeit, in der Verlage Stellen abbauen, bei immer größer werdender Arbeitsverdichtung, und nun würden Bild- und Textinformationen noch von Amateuren geliefert, die keinerlei journalistische Ausbildung hätten, und das teilweise kostenlos. Zörner sieht die journalistische Qualität in Gefahr, „denn die Recherche vor Ort entfällt ja wohl nach so einem Leserhinweis“.

Sicher ist gleichwohl, daß Redakteure ihren Arbeitsplatz immer seltener verlassen, ihre Arbeit als Redaktroniker bewerkstelligen und den Verlagen jedes günstige Mittel der Informationsbeschaffung recht ist. So ist es kein Wunder, daß sich die „Rheinische Post“ als Abbestellerin der Nachrichtenagentur dpa sehr stark für den „Leser-Reporter“ interessiert, oder daß sich der „Nordkurier“ dafür erwärmt, wo doch in Vorpommern die Wege weiter sind als bei jeder anderen Regionalzeitung in Deutschland. Auch aus der Schweiz und aus Österreich kommen Fachbesucher zu Stefan Herbst in die Redaktion der „Saarbrücker Zeitung“, wo der „Leser-Reporter“ inzwischen seinen festen Platz hat. Mit Gesandten aus dreißig Redaktionen rückte die Initiative Tageszeitung (ITZ) neulich an, um sich an der Saar zu informieren. Selten gab es bei den Redaktionsbesuchen solchen Andrang. „Alle wollten wissen, wie der Leserkontakt verbessert und für die Redaktionen zeitsparend und gewinnbringend umgesetzt werden kann“, sagt Herbst. Franz Westing von der ITZ meint: „Das ist eine zukunftsträchtige Sache, denn schneller kommt kein Unfallfoto in die Zeitung.“ Allerdings hält Westing nichts von der inszenierten Promi-Jagd und dem „Wir sind alle Paparazzi“.
Dem hehren Standesethos der Tittenknipser begegnet jetzt ein fröhliches "Der Paparazzi sind wir!". Haufenweise arbeitslose Redakteure. Ein elektronisches Callcenter gestaltet das Lokalblatt: "Bietet ihr Beitrag Leichen, Weinende, Verstümmelte, drücken sie bitte die (1); bietet ihr Beitrag nackte Prominente, drücken sie bitte die (2); für Kurioses und Mörderisches aus aller Welt die (3); Umweltkatastrophen und Kriege die (4); für alle anderen Beiträge drücken sie bitte die (5). Wir weisen darauf hin, dass wir aufgrund der übermäßigen Zusendungen Horrorberichte aus dem weiteren Leben ehemaliger Pressemitarbeiter nicht mehr annehmen." - Wenn der erste Handyknipser den Pulitzerpreis erhält, falle ich von meinem Unglauben ab.

Sonntag, Juli 16, 2006

Jüngst

laß ich bei Hermann L. Gremliza in konkret so etwas wie:
Der Denker, der beim Sturm auf die Bastille nachdenkt, ist konterrevolutionär.
Nee. Nö. Isnich.

Erstens, Stürme auf die Bastille sind neuerdings Massenware, aber Gedanken sind Unikate. Ergo, Aufruhr ist immer, der Gedanke bleibt rar.

Zweitens, für sowas hats Personal.

Drittens, dem Denker ist der Sturm auf die Bastille eine Nachmitagsspazierfahrt und reiner Müßiggang; sein Mut ist vor dem Denken, seine Feigheit flieht in die Tat. Die Tat ist die Frivolität des Denkens.

Viertens, der größte Denker wirkt im Augenblick der Tat, als hätte er von nichts eine Ahnung. Jeder Idiot ist ihm dann über. Die feindlichen Linien durchbricht man nicht mit einem Gedanken.

Fünftens, die Tat kennt keine Zeit außer der Gegenwart; der Denker kennt alle Zeiten außer der Gegenwart.

Sechstens, der Weg des Denkers ist das Denken, der Weg der andern ist der Tod.

Der Weg der Tat besteht einfach darin, sich mit Gewalt Zutritt zu verschaffen und erschlagen zu werden.

Man soll sich auf seine Arbeit konzentrieren. Darin liegt der Weg.


P.S. Sollte das oben behauptete gar nicht beim Hermann L. Gremliza in konkret gestanden haben, bitte ich um Entschuldigung. Ich habe eindeutig das schlechteste Gedächtnis der Welt. Und genau lesen tu' ich eh nicht.

Das Theatersterben


ist natürlich eine große Freude und Erleichterung, und ich begrüße jedes geschlossene Haus mit einem fröhlichen "Hoppla!" An der Scheiße, die die produzieren, mussten sie einmal ersticken. Aber das allein ist es ja nicht.

Revolution ist eben nicht selten, was besorgt, dass es manchem Gewerkschaftsmann schlagartig schlechter geht.

Bericht Der Stern, Nr. 28, 6. Juli 2006, S. 114 ff.:
Die Unterschicht: Ganz unten sind alle, die abends auf der Bühne stehen. Sie verdienen am wenigsten und haben die unsichersten Arbeitsplätze. Am Saarländischen Staatstheater verdienen Tänzer im Durchschnitt 2300 Euro. Brutto. Schauspieler 2600 Euro und Opernsolisten 2700 Euro. Durchschnitt bedeutet: Manche, die am Abend Hauptrollen spielen, müssen mit 2000 Euro zufrieden sein. Künstler werden grundsätzlich nur mit Zeitverträgen beschäftigt [...]

Die untere Mittelschicht: Die Chorsänger [...] ihnen stehen umfangreiche Zulagen zu. Die gibt es beispielsweise, wenn der Chor eine große Oper in fremder Sprache singen muss. Und die Opern von Verdi oder Puccine sind rücksichtsloserweise sämtlich nicht auf Deutsch. Mit ihrer Hintergrundarbeit verdienen die Chorsänger in Saarbrücken 2800 Euro im Schnitt - mehr als die Opernsänger, die auf der Bühne solo singen. Darum wechseln die Solisten oft in den Chor, besonders wenn sie Familie haben.

Die obere Mittelschicht: Bühnenarbeiter, Handwerker und Verwaltungsangestellte sind ganz nirmale Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. [...] "Rechnet man alle Schichtzulagen mit, wird hinter der Bühne meist mehr verdient als darauf" [...]

Die Oberschicht: [...] die Orchestermusiker. Sie verdienen bei weitem am meisten, in Saarbrücken 4000 Euro im Schnitt. Und sie haben [...] etwa denselben Kündigungsschutz wie der Papst. Kein Sterblicher kann einen Musiker, dessen Leistung mit den Jahren nachlässt, am Spielen hindern.
Quatsch, am Spielen hindern kann man ihn schon, aber nicht am Bezahltwerden.

Und: Päpste darf man vergiften. Flötisten nicht. - Ich halte das für eine Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muss.
Gehalt eines Intendanten [...] etwa so viel wie der Ministerpräsident. [...] der Generalmusikdirektor [...] wie ein Minister [...] fünf Monate anwesend [...] Bezahlt [...] ganzes Jahr [...]
Nur fünf Monate anwesend; vielleicht hat die Kunst doch eine Chance.
Die Arbeit des Orchesters wird in Diensten gemessen. [...] Ein Dienst dauert höchstens 3 Stunden und 15 Minuten. Und nicht 3 Stunden und 16 Minuten. Nun haben Mozart, Wagner und Puccini leider aufs Gröbste gegen die Vorschriften des Tarifvertrags komponiert. [...] Mozarts "Hochzeit des Figaro" [...] dauert nur wenige Minuten länger als ein Dienst. Da kennt der Tarifvertrag null Toleranz. Eine Minute drüber - Doppeldienst. Und das bei jeder Aufführung [...] Aber der Doppeldienst lässt sich umgehen: Man lässt einfach die eine oder andere Arie weg. [...] Tarifvertrag geht vor Kunst.
Achwas. Lasst sie alle ziehen. Shakespeare hat dreihundert Jahre ohne Theater überlebt, Hacks schafft fünfhundert. Den Rest und vor allem die Tastendrücker braucht kein Mensch.

Kommunismus ist, wenn die Gewerkschaften keine Rolle mehr spielen; und Shakespeare verstanden, weil ungekürzt und unredigiert gespielt wird.

Hasta la victoria siempre!

Schaumsky

Die New York Times hat eine Recherche gemacht: Wer ist 2005 / 2006 der meistzitierte Autor in den USA?

1. Plato.
2. Freud.
3. Noam Chomsky.

Scheißakademismus.

No Am Schaumsky!

Je n'ai pas d'excuse

Saigo Takamori sagt in der großen Sterbeszene von "Der letzte Samurai": "Sie sind alle - vollkommen." Aber er spricht von Kirschblüten, nicht von Liedern. Denn kommt erst der Mensch ins Spiel, ändern sich die Kriterien.
Quand tout exagère,
Moi je reste relax.
Aber es gibt die einen Blüten unter den andern. Carla Bruni. Quelqu'un m'a dit. Vollkommen.
Je suis excessive,
Et quand tout explose,
Quand la vie s'exhibe,
C'est une transe exquise.
Selbstverständlich ist jede Vollkommenheit immer ein wenig wie "Das Lied vom traurigen Sonntag", und man spürt das dringende Verlangen, sich vom Balkon zu stürzen. Deswegen ja ist sie so selten.
Pas d'excuse, pas d'excuse.

Mittwoch, Juli 12, 2006

Warum ich nicht in jedem Fall

gegen Obdachlosigkeit bin:
In der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo scharen sich unter Neonfunzeln gebeugte Gestalten um eine warme Mahlzeit. Unter denen, die allein am Tisch sitzen, ist Fritz Joachim Rudert, Doktor der Philosophie. »Wenn Marx den Schopenhauer gelesen hätte«, verkündet er, »dann wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.« Rudert spricht hastig, seine Augen wechseln ihr Ziel so schnell wie seine Gedanken. Buddha, Leonardo, philososphisch-sozialistische Bekenntnisse, dazwischen der anklagende Satz: »Warum sind Büchereien nachts und an Feiertagen geschlossen?« Am Hals trägt er ein Wirrwar aller möglicher Utensilien, unter anderem Wohnungsschlüssel. »Am 30. Juli werde ich rausgeschmissen«, sagt er und fügt hinzu, dass das so schlimm nicht sei. »Mit einer Wohnung ist es wie mit dem Bewusstsein: Es geht auch ohne.« Sein Blick verfinstert sich. »Aber meine Bücher«, sprudelt es aus ihm hervor, »ich habe 6000 Bücher.«
Wenn die Philosophen lehren, dass es ohne Bewusstsein geht, dann ist die Konsequenz daraus eine Gesellschaft, in der es ohne Philosophen geht.

Die Welt ist trotz allem vernünftig.



Quelle: Die Zeit.


P.S. 6.000! Was müssen das für Bücher sein.

Dienstag, Juli 04, 2006

Chinese Takeaway

Ist die Gefahr, dass Kapitalisten enständen,
Nur im Imperialismus abzuwenden?

Sonntag, Juli 02, 2006

95 Jahre Panthersprung nach Agadir

Ich komm' an dem Begriff nicht mehr vorbei, ohne Gotthold Gloger zu hören:
Und mitten in der erhitzten Diskussion der Weltgeschehnisse sah er Rosemarie lange an und dachte sich, wie gern er mit ihr mal den Panthersprung nach Agadir proben würde.
Scheißklassik.

(A.d.G.).