Sonntag, Juli 16, 2006

Das Theatersterben


ist natürlich eine große Freude und Erleichterung, und ich begrüße jedes geschlossene Haus mit einem fröhlichen "Hoppla!" An der Scheiße, die die produzieren, mussten sie einmal ersticken. Aber das allein ist es ja nicht.

Revolution ist eben nicht selten, was besorgt, dass es manchem Gewerkschaftsmann schlagartig schlechter geht.

Bericht Der Stern, Nr. 28, 6. Juli 2006, S. 114 ff.:
Die Unterschicht: Ganz unten sind alle, die abends auf der Bühne stehen. Sie verdienen am wenigsten und haben die unsichersten Arbeitsplätze. Am Saarländischen Staatstheater verdienen Tänzer im Durchschnitt 2300 Euro. Brutto. Schauspieler 2600 Euro und Opernsolisten 2700 Euro. Durchschnitt bedeutet: Manche, die am Abend Hauptrollen spielen, müssen mit 2000 Euro zufrieden sein. Künstler werden grundsätzlich nur mit Zeitverträgen beschäftigt [...]

Die untere Mittelschicht: Die Chorsänger [...] ihnen stehen umfangreiche Zulagen zu. Die gibt es beispielsweise, wenn der Chor eine große Oper in fremder Sprache singen muss. Und die Opern von Verdi oder Puccine sind rücksichtsloserweise sämtlich nicht auf Deutsch. Mit ihrer Hintergrundarbeit verdienen die Chorsänger in Saarbrücken 2800 Euro im Schnitt - mehr als die Opernsänger, die auf der Bühne solo singen. Darum wechseln die Solisten oft in den Chor, besonders wenn sie Familie haben.

Die obere Mittelschicht: Bühnenarbeiter, Handwerker und Verwaltungsangestellte sind ganz nirmale Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. [...] "Rechnet man alle Schichtzulagen mit, wird hinter der Bühne meist mehr verdient als darauf" [...]

Die Oberschicht: [...] die Orchestermusiker. Sie verdienen bei weitem am meisten, in Saarbrücken 4000 Euro im Schnitt. Und sie haben [...] etwa denselben Kündigungsschutz wie der Papst. Kein Sterblicher kann einen Musiker, dessen Leistung mit den Jahren nachlässt, am Spielen hindern.
Quatsch, am Spielen hindern kann man ihn schon, aber nicht am Bezahltwerden.

Und: Päpste darf man vergiften. Flötisten nicht. - Ich halte das für eine Ungerechtigkeit, die beseitigt werden muss.
Gehalt eines Intendanten [...] etwa so viel wie der Ministerpräsident. [...] der Generalmusikdirektor [...] wie ein Minister [...] fünf Monate anwesend [...] Bezahlt [...] ganzes Jahr [...]
Nur fünf Monate anwesend; vielleicht hat die Kunst doch eine Chance.
Die Arbeit des Orchesters wird in Diensten gemessen. [...] Ein Dienst dauert höchstens 3 Stunden und 15 Minuten. Und nicht 3 Stunden und 16 Minuten. Nun haben Mozart, Wagner und Puccini leider aufs Gröbste gegen die Vorschriften des Tarifvertrags komponiert. [...] Mozarts "Hochzeit des Figaro" [...] dauert nur wenige Minuten länger als ein Dienst. Da kennt der Tarifvertrag null Toleranz. Eine Minute drüber - Doppeldienst. Und das bei jeder Aufführung [...] Aber der Doppeldienst lässt sich umgehen: Man lässt einfach die eine oder andere Arie weg. [...] Tarifvertrag geht vor Kunst.
Achwas. Lasst sie alle ziehen. Shakespeare hat dreihundert Jahre ohne Theater überlebt, Hacks schafft fünfhundert. Den Rest und vor allem die Tastendrücker braucht kein Mensch.

Kommunismus ist, wenn die Gewerkschaften keine Rolle mehr spielen; und Shakespeare verstanden, weil ungekürzt und unredigiert gespielt wird.

Hasta la victoria siempre!